Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben

Autor | 23. Februar 2018

Im Technischen und Umweltausschuss wurden einige entscheidende Entwicklungen der Konstanzer Stadtplanung debattiert. So geht der Umbau des Siemens-Areals in die nächste Runde, und im Industriegebiet wird ein sozialer Brennpunkt für Flüchtlinge geschaffen. Außerdem fordern die Konstanzer beherzt Verbesserungen der Verkehrsinfrastruktur – von den Schweizern.

Während früher alles Böse aus dem Norden oder Osten kam (Schwaben!, Moskau!), stammt es heutzutage aus dem Süden und Westen. Nein, gemeint ist für einmal nicht Donald Trump, sondern der grenzüberschreitende Einkaufsverkehr aus der Schweiz.

Am Zoll geht wenig

Bürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn gab einen Überblick über die aktuelle Verkehrsentwicklung. Nach seinen Worten hat es in diesem Jahr in der Konstanzer Innenstadt bisher lediglich zwei Tage gegeben, an denen zwischen Lago und schweizerischer Grenze wenig ging. Die Lage habe sich also – vor allem dank des umsichtigen Einsatzes der Verkehrskadetten – gegenüber dem Vorjahr erheblich entspannt, obwohl die Menge der anreisenden Eidgenossen gleich groß geblieben sei. Damit stellte er seiner Verkehrspolitik ein gutes Zeugnis aus.

Ein Problem allerdings brenne den Konstanzern nach wie vor unter den Nägeln, und das seien die Warteriesenschlangen vor der Gemeinschaftszollanlage Tägermoos bei der Ausreise in die Schweiz. In der Tat stauen sich dort in der Europastraße zwischen den Lärmschutzwänden Pkw wie Lkw sogar an halbwegs „normalen“ Tagen so dicht bis zurück zur Schänzlebrücke, dass einen schon das bloße Zugucken von einer der Brücken aus ganz fertigmacht.

Karl Langensteiner-Schönborn wies auch darauf hin, dass der Verkehr am Zoll weiter zunehmen dürfte, weil nach dem Ausbau der B33 deutlich mehr Kraftfahrzeuge über Konstanz in die Schweiz fahren werden. Die Erfahrung lehrt ja, dass neue Straßen den Verkehrsfluss nicht wie versprochen entlasten, sondern immer mehr Verkehr schaffen, so dass auch sie bald nicht mehr ausreichen – die bekannte Teufel-Beelzebub-Geschichte.

Langensteiner-Schönborn erinnerte an den Grenzübergang bei Basel, der von den Schweizern wesentlich großzügiger ausgestattet sei als der in Konstanz. Er will die Schweizer im Namen der Stadt Konstanz jetzt nachdrücklich dazu auffordern, den Zoll im Tägermoos nach Baseler Muster so umzubauen, dass zumindest durch eine Mittelinsel eine zweite Abfertigungsspur entsteht.

Stephan Fischer, bei der Stadt mit der strategischen Verkehrsplanung befasst, berichtete, dass auf der vorhandenen Spur bei den vorgeschriebenen 20 km/h nur 750 Autos pro Stunde in die Schweiz reisen können. Ähnlich wie am Emmishofer Zoll sei damit auch hier im Tägermoos die Kapazität unzureichend. Die schweizerische Seite ist nach seinen Ausführungen nicht grundsätzlich gegen die von den Konstanzern geforderte Zweispurigkeit, lehne aber die vorgeschlagene Lösung ab und wolle im Zweifelsfall größere Umbauten vornehmen. Seine Stimme verriet allerdings: Der Gedanke an den Ausbau einer Zollanlage in einem wertvollen Biotop im schweizerisch-deutschen Grenzgebiet ist für einen Verkehrsplaner scheint’s ein ähnlicher Albtraum wie Verhandlungen mit der Deutschen Bahn über einen barrierefreien Bahnhof.

Erste Bilder der künftigen Shedhalle

Einen weiteren Einblick in das geplante Geschehen auf dem Siemens-Areal gab Maria Wechsel von der i+R Gruppe, die im letzten Jahr den Zuschlag für das Gelände erhalten hat und jetzt den nächsten Planungsschritt in Angriff nimmt. Der Zeitplan sieht vor, dass die beteiligten Architekten ihre Arbeiten für den städtebaulichen Wettbewerb bis Anfang August einreichen müssen und am 21. September die Preisfestsetzung erfolgt. Danach wird man etwas klarer sehen.

Eines steht fest: Auf dem Areal werden einige Gebäude abgerissen, während andere erhalten und umgewidmet werden sollen, wobei auch der Denkmalsschutz ein Wörtchen mitzureden hat. Die Gebäude entlang der Bücklestraße, die sich in gutem Zustand befinden, sollen gewerblich genutzt und lediglich im Eingangsbereich verändert werden, so dass es in Zukunft auch einen direkten Zugang von der Straße aus gibt.

Auf dem Areal steht natürlich insbesondere die raumgreifende Shedhalle mit ihrem charakteristischen Sägezahndach im öffentlichen Blickpunkt. Zusammen mit einem Architekten präsentierte Maria Wechsel eine mögliche Lösung für das denkmalgeschützte Bauwerk. Danach soll das Gebäude nach drei Seiten hin geöffnet und mit einer Glasfassade versehen werden. Das Konzept sieht eine flexible Nutzung vor, da die einzelnen Sheds auch abgetrennt und so als kleinere Einheiten verwendet werden können. Während ein erster Entwurf noch stark an ein Gewächshaus à la Reichenau erinnerte, sah der zweite bereits Gliederungselemente vor, die die Shedhalle auf den ersten Blick als hellen, lichten Raum sympathisch machen. Da i+R das gesamte Ensemble nicht selbst behalten, sondern größtenteils weiterveräußern wird, liegt die konkrete künftige Nutzung der Halle beim Erwerber. In der Halle und ihrer Umgebung ist öffentlich zugänglicher Raum also zumindest angedacht.

Das Hohelied vom Sachzwang

In Stromeyersdorf, zwischen Line-Eid- und Reichenaustraße, soll eine neue Flüchtlingsunterkunft entstehen, die rund 300 Menschen beherbergen kann. Möglich macht dies eine spezielle Gesetzesänderung, denn ursprünglich waren in diesem Gewerbegebiet Wohnanlagen nicht zulässig. Klaus-Peter Kossmehl (FWK), der seit bereits 20 Jahren selbstlos die Interessen des örtlichen Mittelstandes im Gemeinderat vertritt, sprach sich vehement gegen diese Einrichtung aus, die er als „Ghetto“ geißelte. Andere Redner nannten diese Massenunterbringung zwar unerfreulich, bezeichneten sie angesichts des Mangels an Wohnraum für Flüchtlinge aber als alternativlos. Holger Reile (LLK) schloss sich der Kritik am Flüchtlingsghetto ausdrücklich an und forderte seine KollegInnen, die wie Peter Müller-Neff (FGL) Bauchschmerzen aus sozialen Gründen bekundet hatten, auf, gegen diese Unterkunft zu stimmen. Am Ende gab es aber nur drei Gegenstimmen von FWK und LLK, und Zahide Sarikas (SPD) enthielt sich.

Damit ist beschlossene Sache, was man bisher immer wieder ausdrücklich ablehnte: Es wird ein kostengünstiges Ghetto in unattraktiver Lage entstehen, in dem mehrere hundert Menschen auf engem Raum zusammengepfercht werden. Das ist absehbar die Geburtsstunde eines sozialen Brennpunktes, und „Willkommenskultur“, „soziale Integration“ und ähnliche Politikerworte erweisen sich als heiße Luft. Leidtragende sind in erster Linie die Flüchtlinge.

O. Pugliese (zuerst erschienen bei seemoz.de)

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