Durst ist schlimmer als Heimweh

Autor | 4. März 2015

Mit Leidenschaft wurde im Konstanzer Gemeinderat mal wieder um eine Sperrzeitverkürzung gerungen, insbesondere das Junge Forum, unterstützt vom Konstanzer Uni-Asta, erwies sich als vehementer Vorkämpfer verlängerter Kneipenöffnungszeiten. Die Meinungen gingen quer durch die Lager, die Linke Liste etwa sprach von einer „ausufernden Spaßgesellschaft“.

Es ist immer wieder ernüchternd, welche Themen die Menschen wirklich leidenschaftlich bewegen: die Bäume im Tägermoos sehr, die Abschiebung ganzer Familien wenig, die Kneipenschlusszeiten ziemlich, Hungertod und Verdursten in weiten Teilen der Erde nicht. Der Firnis der Zivilisation und Mitmenschlichkeit, hinter dem wir uns im Alltag verbergen, scheint viel dünner, als wir gemeinhin zuzugeben bereit sind.

Die Lage

Schon im Vorfeld lösen Debatten über die Verkürzung der Sperrzeiten, wie die Verlängerung der Kneipenöffnungszeiten im Verwaltungsdeutschen heißt, in deutschen Kommunen ähnlich intensive Debatten aus wie die Abschaffung des Reinheitsgebotes: Die Fronten verlaufen dabei gemeinhin zwischen lärmgestressten Anwohnern auf der einen und Kneipenbesuchern und gelegentlich auch Wirten auf der anderen Seite.

Die Regelung des Landes Baden-Württemberg erlaubt von Sonntag bis Donnerstag eine Sperrzeit um 3.00 Uhr und am Freitag und Samstag um 5.00 Uhr. Die Stadt Konstanz schöpft diesen Rahmen derzeit nicht voll aus und hat eine Abstufung vorgenommen: Im rechtsrheinischen Areal gibt es längere Öffnungszeiten und dazu Sondergenehmigungen unter anderem für Diskotheken und Schnellimbisse bis 5.00 Uhr. Im linksrheinischen Gebiet geht man restriktiver vor: Im unbewohnten Hafen ist an allen Tagen um 3.00 Uhr Schluss, in den anderen Gebieten der Altstadt geht die Sause unter der Woche bis 1.00 Uhr und an den Wochenenden bis 2.00 bzw. 3.00 Uhr, mal abgesehen von einigen Sondergenehmigungen.

Die Feierbiester

In diesem Fall kam der Vorstoß zur Sperrzeitverkürzung vom JFK, für das Matthias Schäfer argumentierte, in anderen baden-württembergischen Uni-Städten gebe es längere Öffnungszeiten und man möge doch in Konstanz einfach komplett, auch für die Altstadt, die Regelung des Landes übernehmen. Dann würde sich der Lärm entzerren, weil die Menschen nicht mehr geschlossen zu einer bestimmten Zeit nach Hause gingen, sondern nach und nach, man spare zudem an Bürokratie und so schlimm sei das alles nicht, denn auch die feierlustige Studentenschaft benötige ihren Schlaf. Man könne das doch zumindest mal für ein Jahr versuchen und dann weiterschauen. Charlotte Dreßen (FGL) hieb in dieselbe Kerbe: Auch bei der letzten Verlängerung der Öffnungszeiten habe es zuerst großes Gejammer gegeben, und dann sei alles halb so schlimm geworden; Konflikte bei verlängerten Öffnungszeiten seien nur dort zu erwarten, wo es auch heute schon Ärger gebe.

Die Spaßbremsen

Auf der anderen Seite beklagte Markus Nabholz (CDU) die allein schon durch den wachsenden Einkaufsverkehr ständig sinkende Lebensqualität vor allem der Niederburg. Er sieht die Lärmquelle vor allem bei Rauchern und wollte das Lärmproblem nicht auf Studenten verengt sehen, die sich zumeist ausgedehnte Sausen wegen des frühen Studienbeginns und der hohen Preise in den Kneipen gar nicht leisten könnten (Murren in der Wirteschaft, „von wegen hohe Preise? – der hat bei mir ab sofort Lokalverbot, aber der trinkt eh nix“ meinte ein Zuhörer).

Hanna Binder (SPD) schloss sich ihm in einer ihrer letzten Reden an und erinnerte daran, dass es sich bei den Nachtschwärmern nur um eine Minderheit handele, während die Mehrheit der zumeist arbeitenden Wohnbevölkerung ihren Nachtschlaf brauche. Was das JFK als Entzerrung preise, sei in Wirklichkeit eher Dauerlärm, und je länger es nachts gehe, desto größer würden, so die Lebenserfahrene, der Alkoholpegel und damit die Neigung zum Lärmen und zur Sachbeschädigung. Jürgen Faden meinte für die Freien Wähler, man habe schließlich nicht umsonst in Heidelberg und Tübingen die Öffnungszeiten wieder verkürzt und forderte differenziertere Sperrzeiten: Auch am Hafen solle unter der Woche bereits um 1.00 Uhr Schluss sein, da die Gäste von dort aus ja durch die Stadt nach Hause zögen, dafür könne man in den drei Sommermonaten die linksrheinischen Gärten gern eine Stunde länger, nämlich bis um 0.00 Uhr, öffnen.

Holger Reile (LLK) schließlich nannte das Entzerrungsargument des „älter gewordenen“ JFK und des Asta „heiße Luft“ und betonte als zusätzlichen Aspekt die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, für die längere Nachtarbeit eine erhebliche Belastung darstelle, weshalb zu einer Anhörung zum Thema unbedingt auch die Gewerkschaft geladen werden müsse.

Die Einigung

Für die Altstadtbewohner hieße die beantragte Verkürzung der Sperrzeiten, dass die Kneipen in ihrer Nachbarschaft in der Woche 15 Stunden länger geöffnet wären, und so etwas will wohlüberlegt sein. Also kam am Ende denn doch noch einige Einigung zustande: Die Verwaltung soll die Vorschläge umfassend prüfen und ihre Ergebnisse im Haupt- und Finanzausschuss vortragen. Schade eigentlich, es wäre doch für die politischen Hexenmeister eine so schöne Gelegenheit gewesen, den Wein des politischen Gegners mal wieder hinterrücks in Wasser zu verwandeln.

O. Pugliese

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