Kongresszentrum: Erste Euphorie verflogen

Autor | 30. April 2014
Centrotherm-Halle: Künftig Ort für Kongresse in Konstanz?

Centrotherm: Künftig Ort für Kongresse?

Wesentlich nüchterner als noch vor vier Wochen, als eine breite Gemeinderatsmehrheit am liebsten auf der Stelle das Konzert- und Kongresszentrum beschlossen und dem OB ein Denkmal errichtet hätte, stimmte der Sachstandsbericht der Verwaltung in der Gemeinderatssitzung am Dienstag auf das Vorhaben ein. Es ist klar: Der Zeitdruck, den Verwaltung und IHK damals behaupteten, war eine Finte, und langsam dämmert auch den VolksvertreterInnen, dass ein Kongresszentrum Geld kostet, viel Geld sogar.

Am Montagabend konnte die staunende Öffentlichkeit das centrotherm-Gebäude besichtigen, und so manche/r stand ein wenig hilflos in der riesigen, weitgehend leeren und ziemlich kahlen Produktionshalle mit vielen Rohren und Kabelschächten unter der Decke, aus der einst ein Kongresszentrum entstehen könnte, und versuchte sich vergeblich vorzustellen, wie das alles am Ende wohl aussehen mag. Ähnlich ernüchtert – verglichen mit der trunkenen Euphorie der letzten Sitzung – ging es dann am Dienstag im Gemeinderat zu.

Zur Sache

Zur Erinnerung: Die Stadt Konstanz und die Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee (IHK) wollen gemeinsam das Anwesen Reichenaustraße 21 einschließlich des dort stehenden centrotherm-Gebäudes kaufen. Die IHK will die oberen Stockwerke als Büroräume nutzen, und angesichts der prächtigen Ausstattung und der herrlichen Aussicht dieser Räumlichkeiten erklang schon erstes Gemurre von Unternehmern, die ja Zwangsmitglieder der IHK sind. Sie finden, von ihren Zwangsbeiträgen genehmige sich die IHK da ein rechtes Luxusdomizil.

Den unteren Teil des Gebäudes will die Stadt für sich nutzen und zu Kongressräumen umbauen. „Nach intensiven Verhandlungen der IHK und der Stadt Konstanz mit der Firma centrotherm besteht hinsichtlich des Kaufvertrages weitgehend Einigkeit. Am 11.04.2014 haben die Stadt Konstanz und die IHK gegenüber centrotherm erklärt, dass vorbehaltlich der Zustimmung von Gemeinderat und IHK-Vollversammlung Einigkeit bezüglich eines Gesamtkaufpreises von 14,2 Mio. € brutto besteht. Die Aufteilung des Kaufpreises zwischen IHK und Stadt Konstanz soll im Verhältnis 60 % (IHK) zu 40 % (Stadt) erfolgen. Dies bedeutet für die Stadt einen Kaufpreisanteil von ca. 5,68 Mio. €.“ So weit die Mitteilung der Verwaltung. Hinzu kommen noch einmal 1,3 Millionen Euro für das danebenliegende unbebaute Grundstück, auf dem Romantiker wie Heinrich Everke (FDP) schon einen Musentempel entstehen sehen, der die internationalen Spitzenkräfte der Musikbranche an den See lockt und die zahlungswilligen und -kräftigen Publikumsmassen gleich mit.

Kaufpreis: Rund 7 Millionen

Dass sich der erste Teil dieses Projektes, das Kongresszentrum im bestehenden Gebäude, nicht im eigentlich geplanten Hauruckverfahren auf der Welle der ersten bürgerlich-grünen Euphorie bereits in dieser Sitzung durch den Gemeinderat bringen ließ, hat die Verwaltung inzwischen erkannt, zu groß ist der Klärungsbedarf. Selbst Oberbürgermeister Uli Burchardt, der in der letzten Sitzung vor allem die Parole von der Jahrhundertchance für Konstanz ausgab und die Euphorie fast aller Gemeinderätinnen und -räte kräftig schürte, hörte sich dieses Mal deutlich nachdenklicher an und betonte, er wolle vor der Entscheidung über den Kauf und Umbau wissen, was das alles denn kosten werde. Das hatte vor vier Wochen noch anders geklungen, als er die Vorzüge des Projektes pries, ohne von Kosten und Nutzungskonzept auch nur zu reden. Und die kennt auch jetzt noch niemand. Die Jahrhundertchance ist also für ihre Anhänger weiterhin eine Jahrhundertchance, aber niemand hat außer den erwähnten rund 7 Millionen € Kaufpreis irgendwelche Zahlen zur Hand, die belegen, dass diese Chance kein Millionengrab ist.

Umbau- und Betriebskosten: Unbekannt

Der städtische Wirtschaftsförderer Friedhelm Schaal erläuterte, weshalb man dem Gemeinderat jetzt doch noch nichts Handfestes vorlegen könne: Nachdem sich die Verhandlungen über den Verkaufspreis ziemlich in die Länge zogen, gehe es jetzt darum, den Teilungsplan mit der IHK auszuhandeln, „das Nutzungskonzept für das Erdgeschoss auszuarbeiten und einen ersten Businessplan für den Betrieb des städtischen Teils vorzulegen.“ Außerdem soll ein Statiker prüfen, was man dort baulich verändern kann und was nicht, man muss sich über die Außengestaltung sowie, immerhin handelt es sich um einen Veranstaltungsort, die Rettungswege Gedanken machen und ermitteln, wie Finanzierung, Steuern und Unterhaltskosten für die nächsten 20 Jahre aussehen könnten. Außerdem muss man eine Betreibergesellschaft gründen und muss versuchen, Personal zu finden, das sich mit dem Aufbau und Betrieb von Kongressräumen auskennt.

Vor Mai oder Juni – und damit vor den nächsten Gemeinderatswahlen – dürften also kein Zahlenwerk und keine Daten auf den Tisch kommen, die den Nebel etwas lichten. Aber eins ist klar: Die Mehrheit des Gemeinderates von schwarz über grün und gelb bis frei entwickelt weiterhin offensichtlich quasireligiöse Gefühle für das Projekt, und daran werden auch die (man darf prognostizieren: ziemlich optimistischen) Kostenschätzungen für die Umbaumaßnahmen und die Betriebskosten nichts ändern, wenn sie in einigen Wochen öffentlich werden.

Noch gibt man sich allerdings gläubig und vernünftig zugleich: Wolfgang Müller-Fehrenbach (CDU) rief in den Saal „Wir wollen das unbedingt haben, aber nicht um jeden Preis!“ und musste sich unverzüglich von Hanna Binder (SPD) belehren lassen, dass dieser Spruch von ihr stamme und dass sie an dem Projekt bis jetzt nichts weiter auszusetzen habe, als dass es zu wenig Informationen über die Verhandlungen und Vorarbeiten gegeben habe. Die SPD, die sich beim letzten Mal noch unentschieden gezeigt und hinter einem Fragenkatalog verschanzt hatte, scheint ihre Zweifel vergessen zu haben und stillschweigend ins Lager der unverhohlenen Befürworter übergelaufen zu sein, ohne dass sich am Sachstand in den letzten Wochen etwas geändert hätte. Die Grünen, die bereits beim letzten Mal auf alle grünen Einwände gegen die Großbaustelle am Ufer des Seerheins verzichtet hatten und ohnehin endlich von der linken auf die rechte Seite des Saales umziehen sollten, sind weiterhin dafür und haben auch ihre basisdemokratischen Wurzeln längst über Bord geworfen, denn niemand aus ihren Reihen forderte, die Bürger über das Kongresszentrum im centrotherm-Gebäude abstimmen zu lassen. Diese Entscheidung wird allein im Gemeinderat ohne jede Bürgerbefragung gefällt werden.

Nur die Linken sind skeptisch

So blieb es denn dem stets galligen Holger Reile (Linke Liste) vorbehalten, als einziger Redner deutlich anderer Meinung zu sein. Er wunderte sich darüber, wie oft im Gemeinderat schon von einer „einmaligen Chance“ die Rede gewesen sei, und witterte einen inflationären Gebrauch dieser Redensart, wann immer es an vernünftigen Argumenten oder belastbaren Zahlen für etwas fehle. Er freute sich ausdrücklich, dass die „galoppierende Euphorie“ der letzten Wochen, die er seinen KollegInnen mit einigem Recht attestierte, an diesem Abend sichtlich nachgelassen hatte. „Es werden Kosten in Millionenhöhe auf die Stadt zukommen. Denn dies ist,“ rief er seinen KollegInnen zu, „der Einstieg in eine Konzerthalle, die 30 oder mehr Millionen kostet, und die Müller-Fehrenbach schon seit 1848 am liebsten selbst eröffnen würde.“

Damit dürfte er richtig liegen, denn die Kongressräume im ehemaligen centrotherm-Gebäude werden von seinen KollegInnen stillschweigend als erster Schritt eines Gesamtkomplexes begriffen, der durch eine große Konzerthalle auf dem Nebengrundstück den letzten Schliff erhalten soll. Wenn es denn so kommt, lässt sich Konstanz auf das größte finanzielle Abenteuer der letzten Jahrzehnte ein, denn auch Baukosten für Konzerthallen geraten schnell mal aus dem Ruder, wie man an der Elbphilharmonie sieht, die ebenfalls sehr nah am Wasser gebaut ist.

Kultur kostet Geld, mehr Kultur kostet meist mehr Geld und lässt sich erfahrungsgemäß nicht allein über Einnahmen finanzieren, und wäre die Verwaltung ehrlich, müsste sie bei diesem Projekt nicht blindwütig von einer Jahrhundertchance sprechen, sondern fragen: Ist uns mehr etablierte Kultur, wie wir sie durch ein Konzert- und Kongresszentrum nach Konstanz locken können, 50 bis 100 Millionen für Kaufpreis und Bau- sowie Umbaukosten sowie jedes Jahr einen wahrscheinlich siebenstelligen Betrag für die Betriebskosten wert? Diese Frage klingt natürlich in den Ohren eines bürgerlichen Gemeinderates, der Konstanz für den Nabel der Welt im Allgemeinen und der Christenheit im Besonderen hält, nicht wirklich sexy. Sie wird sich aber zwangsläufig stellen, wenn die Verwaltung ihre ersten Kostenschätzungen veröffentlicht. Dies dürfte auch der Grund dafür sein, dass seitens der Verwaltung so viel Zeitdruck aufgebaut wurde: Das Vorhaben sollte durchgewinkt werden, so lange die von Fakten ungetrübte Euphorie noch anhielt.

Das Konzert- und Kongresszentrum wird wohl gegen den Widerstand allein der Linken und ohne die Befragung der Bevölkerung kommen, egal wie die Kostenschätzungen aussehen, dazu ist die Begeisterung zu stark und bei manchem auch der Wunsch, dem Volk, das dieses Ding bereits zwei Mal abgelehnt hat, noch mal zu zeigen, wo der Hammer hängt. Statt rational die Frage zu durchdenken, „wollen wir diese massive Investition tätigen und die jährlichen Folgekosten auf uns nehmen, weil wir mehr Konzerte haben wollen?“, träumt es sich einfach viel angenehmer von einem Bombengeschäft für die Stadt, mit dem man in die Geschichte eingeht, und man kann sich – bis zum vielleicht bitteren Erwachen – damit trösten, dass schon alles gut gehen wird. Glaube versetzt bekanntlich Berge, und wenn die Mehrheit etwas will, sprudeln plötzlich -zig Millionen für eine Konzert- und Kongresshalle, wo man gerade eben noch vergeblich nach ein paar zehntausend Euro für das Fußvolk unter den städtischen Beschäftigten suchte.

O. Pugliese

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