Konstanzer Kulturdebakel

Autor | 7. Dezember 2015

seemoz-ZeltfestivalKnapp ein Jahr nach seiner Wiederbelebung droht dem Zeltfestival erneut das Aus. Die Schweizer haben sich aus der Mitfinanzierung zurückgezogen und der Konstanzer Gemeinderat will diese Finanzierungslücke nicht schließen. Fällt kein spendabler Sponsor vom Himmel, ist das Festival endgültig gestorben. Ein Armutszeugnis für die größte Stadt am Bodensee, die sich gerne und oft auch recht großspurig als kulturelles Oberzentrum versteht.

Es geht gerade mal um 40 000 Euro, die nach dem Ausstieg der Stadt Kreuzlingen fehlen. Der Konstanzer Gemeinderat weigert sich, diese Summe auf die für das vergangene Festival bewilligten 90 000 Euro draufzulegen. Etwa 130 000 Euro brauchen die örtlichen Organisatoren insgesamt, um ein halbwegs anspruchsvolles Programm zu stemmen.

In der Regel sollte man es vermeiden, Kultur gegeneinander aufzurechnen. Vorausgesetzt, die Mischung stimmt, bietet für fast alle Geschmäcker etwas, und die Veranstalter sogenannter alternativer Kultur werden am Katzentisch nicht mit einem Nasenwasser abgespeist. Doch wenn das Missverhältnis so gravierend ist, wie es an einzelnen Ausgaben für die sogenannte Hochkultur mittlerweile abgelesen werden kann, dann darf, ja muss massiv Einspruch erhoben werden.

Beispiel Philharmonie: Die städtischen Zuschüsse für das Orchester steigen bis 2018 jährlich um voraussichtlich rund 100 000 Euro und bewegen sich in drei Jahren im Millionenbereich. Eine satte Mehrheit im Rat findet das in Ordnung und winkt die jährlichen roten Zahlen ohne allzu große Diskussionen durch. Noch nicht lange ist es her, da wurde ein finanzielles Desaster über mehrere hunderttausend Euro zwar leise murrend, aber dennoch billigend in Kauf genommen. Der ursprüngliche Traum, dass das Orchester einen immer höheren Anteil seines Etats selbst einspielen oder gar Schulden tilgen kann, ist längst geplatzt, da völlig unrealistisch.

Die Südwestdeutsche Philharmonie wird unter dem Strich immer ein höchst defizitäres Unternehmen bleiben, daran ändern auch die gestiegenen Abozahlen nichts. Das weiß Intendant Beat Fehlmann, dem kein Vorwurf gemacht werden kann, denn er und seine Musiker leisten unter den gegebenen Umständen gute und professionelle Arbeit. Allerdings auf einem Feld, dessen Erträge ständig magerer werden und von Besserung nicht die Rede sein kann.

Eine aktuelle Studie der Uni Wien stellte vor nicht allzu langer Zeit fest: „Die Klassische Musik ist im Begriff, einen musealen Charakter zu bekommen. Die Folgen wie die Überalterung des Publikums und das Desinteresse nachfolgender Generationen sind inzwischen unübersehbar“. Und so stellt sich auch in Konstanz die Frage: Sollen wir dennoch in den kommenden Jahren einen immer größeren Teil der städtischen Kulturmittel auch auf Kosten anderer in die Philharmonie pumpen? Die Klassikliebhaber werden nichts dagegen haben, im Gegenteil. Bescheidenheit ist ihnen sowieso gänzlich fremd und vermehrt werden aus diesen Kreisen wieder Stimmen laut, die den Bau eines Konzerthauses neben dem Bodenseeforum fordern, weil die schlechte Akustik im Konzil sowohl den Musikern als auch den Besuchern nicht mehr zugemutet werden könne. Dass ein Vorhaben in dieser Größenordnung mindestens 30 Millionen Euro aufwärts kosten wird, ficht die Befürworter dieses arroganten Projekts nicht an.

Beispiel Konziljubiläum: Rund 12 Millionen Euro werden bis 2018 dafür locker gemacht. Nach Abzug von Zuschüssen bleiben etwa sechs Millionen Euro an der Stadt hängen. Eine Veranstaltung jagt die nächste und manche davon sind so überflüssig wie der sprichwörtliche Kropf. Aber man gönnt sich ja sonst nichts, faselt von der internationalen „Medienäquivalenz“, die angeblich dafür gesorgt haben soll, den Ruhm der Stadt Konstanz weltweit zu mehren. Frühere Vorschläge, das Budget auf maximal zwei Millionen Euro zu beschränken, die Dauer des Spektakels zu verkürzen und das aufgeblähte Programm, das eine Mehrheit der KonstanzerInnen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – kaum interessiert, auszudünnen, fanden im Rat keine Mehrheit.

Eine überwältigende Mehrheit hingegen weigert sich, schlappe 40 000 Euro in die Hand zu nehmen, damit dem Zeltfestival das Überleben zu sichern und ihm Zeit zu gönnen, um es wieder zu dem zu machen, was es einmal war: Ein weit über die Region hinaus strahlendes Alleinstellungsmerkmal. Und das ist, da kann man Südkurier-Lokalchef Jörg-Peter Rau uneingeschränkt beipflichten, einfach nur „armselig“.

H. Reile

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