Und noch eine spinnerte Touristen-Attraktion

Autor | 28. September 2016

panoramaturmAls wäre das car-emotion, wo Gäste mit dem Auto ins Hotelzimmer fahren sollen, an spinnerten Ideen der Konstanzer Tourismus-Event-Attraktionen-Erfinder noch nicht genug, will die Stadtverwaltung nun eine wohl über 30 Meter hohe Rotunde ans Seerheinufer stellen, in der man im 360-Grad-Panorama nachgestellte Szenen aus der Konzil-Klamotten-Kiste bestaunen soll. Tolle Idee, findet Jan Bode aus dem Bauamt in seiner Vorlage für den Gemeinde­rat. Welch ein Blödsinn (meint auch die Linke Liste).

In seiner Vorlage für die Gemeinderatssitzung am nächsten Donnerstag preist Bode die Idee in oberflächlichem Marketing-Sprech: Das Projekt des Künstlers Yadegar Asisi, überall in der Republik riesige Panorama-Rotunden, meist stillgelegte Gasometer, zu Schaubühnen umzurüsten, in denen man riesige Panoramabilder bestaunen kann, reißt Bode zu wahren Jubelstürmen hin. Von „einem Millionenpublikum“ ist die Rede, wenn von der Installation im Berliner Pergamon-Museum berichtet wird, „in Pforzheim wird „ROM 312“ (s. Foto) gezeigt („in 18 Monaten bereits mehr als 250 000 Besucher“), im französischen Rouen wurde im Mai diesen Jahres ein individuelles Panorama „ROUEN 1431“ präsentiert.“

Und, zusätzlicher Vorteil, so Jan Bode, das eigentlich 2018 auslaufende Konzil-Spektakel, das außerhalb des Landkreises sowieso keinen Menschen kümmert, könnte unversehens um zehn weitere Jahre verlängert werden. Famose Aussichten.

Wer zahlt drauf?

Berichterstatter Bode kriegt sich gar nicht mehr ein, wenn er freudig verkündet, diese Attraktion könne Konstanz geradezu gratis einsacken. Ein Pforzheimer Hotelier als Investor möchte das Panoramazelt finanzieren – die Stadt soll nur das Sahnestück-Gelände am Seerhein (s. Lageplan) kostenlos zur Verfügung stellen. Für den Profit sorgen dann die Besucher mit vermutlich gepfefferten Eintrittspreisen – zehn Jahre mindestens soll das architektonische Ungetüm das Ufer beglücken. Bella Vista.

Von den Nachteilen wird in der Vorlage nichts geschrieben: Wie leidet der Rheinblick, wenn ein 30, 40 Meter hoher Bau den Ausblick verschandelt? Wie leiden die Anwohner, wenn neben dem Bodensee-Forum auch noch dieser Rotundenbau zahlreiche Besucher mit ihren Autos anlockt? Und dann die immer alte Frage: Gibt es nicht genug Touristen in dieser Stadt, sollen Besucher ohne Rücksicht auf Verluste geködert werden?

Petershausen braucht Entlastung

Bräuchte der größte, der am schnellsten wachsende Konstanzer Stadtteil, bräuchte Petershausen nicht mehr Grünflächen, nicht mehr Verkehrsentlastung, nicht mehr Entschleunigung, nicht mehr Lebensqualität statt eines Klotzes, der alle Nachbar-Gebäude und selbst die neue Rheinbrücke überragt? Fremdwörter für die Verwaltung und die Event-Enthusiasten – Wachstums-Fanatiker proben ihren Durchmarsch.

Frage nur, ob der Gemeinderat da mitmacht, wenn morgen der Tagesordnungspunkt 2.8. „Errichtung eines temporären 360° Panoramas“ aufgerufen wird? Ob eine Mehrheit den Mammutbau zwischen neuer Rheinbrücke und Bodenseeforum, das in einem Monat erst eröffnet werden und dann neue Besucherströme an den Rhein (ver)führen soll, befürwortet? Ob dem Gigantismus eine weitere Freifläche zum Opfer fällt?

red/hpk (zuerst erschienen bei seemoz.de)

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