Veranstaltungstempel am Seerhein: Kein Haus für alle, dafür aber teurer als geplant

Autor | 4. März 2015
Veranstaltungshaus LLK-Aktion

Aktion der Linken Liste gegen den Veranstaltungstempel am Seerhein vor der Gemeinderatsentscheidung 2014 (Foto: H.P. Koch).

Nachdem der Gemeinderat am 22. Mai 2014 beschlossen hatte, zusammen mit der IHK das Centrotherm-Gebäude zu kaufen, tat er am Dienstag den zweiten Schritt: Insgesamt rund 13 Millionen Euro sollen in Planung und Umbau der Immobilie zum Kongress- und Veranstaltungshaus investiert werden – wenn’s man langt. Gleichzeitig versuchte Oberbürgermeister Uli Burchardt auch schon mal, die BürgerInnenschaft auf das Projekt einer späteren seerheinischen Elbphilharmonie einzustimmen.

In der Debatte schälten sich langsam die Konturen des künftigen Veranstaltungshauses heraus: Es wird teurer als geplant, es wird später eröffnet als versprochen – und das verheißene Haus für alle Konstanzer BürgerInnen und Vereine wird es auch nicht werden. Dafür aber wird der Eingang so geplant, dass man ihn später einmal gemeinsam mit einem auf dem freien Grundstück nebenan eventuell zu errichtenden Konzerthaus nutzen kann. Dies das Fazit einer ernüchternden Sitzung.

Eurograb am Seerhein?

Man erinnert sich: Der Gemeinderat steht mit großer Mehrheit hinter dem Projekt. Die Linke Liste Konstanz war mit ihren beiden VertreterInnen als einzige Gruppierung von Anfang an geschlossen dagegen und wird dabei nur von wenigen versprengten EinzelkämpferInnen aus anderen Fraktionen unterstützt. Holger Reile (LLK) begründete seine Ablehnung noch einmal: „Die Freie Grüne Liste, die mehrheitlich gewillt ist, dieses finanzielle Abenteuer am Seerhein mitzutragen, ist wohl unsicher geworden und hat kürzlich Kostencontrolling angemahnt. Das, Kolleginnen und Kollegen von der FGL, kommt reichlich spät, und die versprochene Kostendeckelung wird ohnehin bald Schnee von gestern sein. Fakt ist schon jetzt – vor Ort hat sich ja noch keine Schaufel bewegt – dass der Kostenrahmen gehörig bröckelt. Mit einer schwarzen Null rechnet man ab 2018 – ein Termin für Phantasten und Träumer. Bis dahin soll ein sogenannter Probebetrieb mindestens 500.000 Euro zusätzlich verschlingen – Plus X. Auch die hochgestochenen Umsatzerwartungen wurden kürzlich bis zu 20 Prozent nach unten geschraubt. Fazit: Schlechter kann ein Millionenprojekt kaum starten.“ Er schlug als Namen für das Veranstaltungshaus denn auch „EaS – Eurograb am Seerhein“ vor.

Zweifel äußerte auch Charlotte Biskup (FGL), die fragte, warum die Verwaltung um Oberbürgermeister Uli Burchardt nicht gleich auf Basis belastbarer Zahlen und realistischer Kostenschätzungen geplant habe und die ein klareres Konzept forderte, denn es sei weiterhin offen, was man von dem Haus erwarte, welches Image es haben und welche Zielgruppen es ansprechen solle. Ihre Fraktionskollegin Annette Mühlhäußer kündigte für die FGL gar zwei Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen an: Die Entscheidung zum Kauf sei im letzten Jahr aus einer Schnäppchen-Euphorie heraus gefallen, jetzt zeichne sich aber ab, dass hier ein ewiger Zuschussbetrieb entstehe.

Schöne neue Kongresshaus-Welt

Ganz anders als man es von linken und grünen Bedenkenträgern kennt, versteht es Wolfgang Müller-Fehrenbach (CDU) als emsiger Sachwalter des bürgerlichen Weltgeistes immer wieder unnachahmlich, seinen urtümlichen Optimismus mit einer großen Prise lokalpatriotischen Größenwahns zu einem robusten Weltbild zu verschmelzen. „Dies ist eine große Chance, der Stadt Konstanz endlich die Rolle zu geben, die ihr weit über den Landkreis hinaus, ja, die ihr international zukommt“ rief er in den Saal. Er sieht im Kongresshaus die Möglichkeit, den Standort aufzuwerten und Arbeitsplätze zu schaffen. Auch Ex-Stadtbaumeister Johannes Kumm (SPD) sah weniger wirtschaftliche als vielmehr psychologische Probleme und forderte daher, „Begeisterung bei der Bevölkerung“ zu wecken und ihr endlich auch die finanziellen Vorteile des Hauses aufzuzeigen. Irgendwie vergaß er aber in seiner Euphorie, diese finanziellen Vorteile mal aufzuzählen.

Aus anderer Ecke wurde in ein anderes Horn geblasen: Der Grüne Günter Beyer-Köhler, der im Mai 2014 als einziger neben den beiden Linken gegen den Ankauf des Centrotherm-Gebäudes stimmte (zwei FGLer und eine SPDlerin enthielten sich damals), bleibt konsequent bei seiner Ablehnung. Er kritisierte, dass vom versprochenen „Haus für alle“ nichts übriggeblieben sei und jetzt vielmehr ein Spekulationsobjekt hochgezogen wird, mit dem die Stadt Konstanz ins riskante Kongressgeschäft einsteigen will. Kultur- und Sportförderung wären ihm wesentlich lieber gewesen.

WORTLAUT | LLK-Stadtrat Holger Reile zum Veranstaltungshaus

HolgerReileWerte Gäste, Herr Oberbürgermeister, Kolleginnen und Kollegen.

Wir werden den uns vorgelegten Projektbeschluss zum Thema Veranstaltungshaus nicht mittragen und ich möchte unsere Entscheidung kurz begründen:

Die Freie Grüne Liste, die mehrheitlich gewillt ist, dieses finanzielle Abenteuer am Seerhein mitzutragen, ist wohl unsicher geworden und hat kürzlich Kostencontrolling angemahnt. Das, Kolleginnen und Kollegen von der FGL, kommt reichlich spät, denn von Anfang an hätte man unserer Auffassung nach ein Risiko-Controlling durchführen sollen – das hätte uns ein bitteres Erwachen erspart, das bei diesem Projekt droht.

An einigen Punkten ist jetzt schon abzusehen, dass dieses waghalsige Vorhaben auf Treibsand gebaut ist, fast panisch durch alle politischen Gremien gepeitscht wurde und – das will ich hier nochmal deutlich sagen – bei einer großen Mehrheit hier Zustimmung gefunden hat. Frei nach dem Motto: Augen zu und vorwärts, denn es war schon immer eine leichte Übung, das Geld anderer auszugeben, in diesem Fall das der braven Steuerzahler. In diesem Boot rudern wir nicht mit.

Fakt ist schon jetzt – vor Ort hat sich ja noch keine Schaufel bewegt – dass der Kostenrahmen gehörig bröckelt. Und: Lange war von einer Eröffnung im Frühjahr 2016 die Rede. Nun soll es Herbst 2016 werden und ziemlich sicher wird es noch später. Wir wissen aber, jede weitere Verzögerung kostet Geld und das nicht zu knapp. Mit einer Schwarzen Null rechnet man ab 2018 – ein Termin für Phantasten und Träumer. Bis dahin soll ein sogenannter Probebetrieb mindestens 500 000 Euro zusätzlich verschlingen – plus X, Kolleginnen und Kollegen. Auch die hochgestochenen Umsatzerwartungen wurden kürzlich bis zu 20 Prozent nach unten geschraubt. Fazit: Schlechter kann ein Millionenprojekt kaum starten.

Bald Schnee von gestern wird auch die versprochene Kostendeckelung sein. Die Kollegen Hartwich und Buck preschen schon mal vor und fordern, für eine gute Infrastruktur müsse man halt ein oder zwei Millionen mehr ausgeben – und meinen, es sei ehrlicher, wenn man den Leuten frühzeitig erklärt, dass die Kosten aus dem Ruder laufen. So kann man es auch sehen. Auch das vollmundig vorgetragene Versprechen, am Seerhein würde, Zitat: „ein Haus für alle Konstanzerinnen und Konstanzer“ entstehen, hält wohl keiner Überprüfung stand. Projektberater Michael Mauge hat sich diesbezüglich ja klar geäußert und erklärt, dass das Gerede von einer Stadthalle nicht den Realitäten entspricht. Vor Ort geht es fast ausschließlich um ein profitables Tagungs- und Kongressgeschäft und um nichts anderes.

Zum Schluß ein Angebot für Sie alle: Wer A sagt, muss nicht B sagen, wenn er einsieht, dass A falsch war. Und ein Letztes noch: Derzeit sucht man nach einem Namen für unsere kleine Elbphilharmonie. Ich hätte da einen, den ich für passend halte: EaS – will heißen: Eurograb am Seerhein.

Herzlichen Dank für Ihre Begeisterung.

Holger Reile

Und was ist mit dem Konzerthaus?

Naturgemäß sah Oberbürgermeister Uli Burchardt, der Vater des Projektes, vieles ganz anders. Er gab zu, es habe wegen Überarbeitung und grippebedingter Ausfälle Defizite bei der Kommunikation gegeben. Und nachdem er diese Defizite psychologisch geschickt eingestanden hatte, begann er eine grundsätzliche Verteidigungsrede für sein Bauvorhaben. Die Pacht von 270.000 Euro, die das Veranstaltungshaus jährlich aufbringen solle, sei eine feine Rendite auf das eingesetzte Kapital, und dazu komme noch Jahr für Jahr ein fetter Betriebsgewinn – unter dem Strich werde das Veranstaltungshaus also ein gutes Geschäft für Konstanz. Natürlich müsse man dieses Haus hochpreisig vermarkten und könne keine Rabatte für Vereine geben, also müsse die Stadt Vereine, die das Haus nutzen wollen, eben entsprechend subventionieren. „Profitabel plus gut für jeden, das geht einfach nicht!“ Statt dessen sei das Veranstaltungshaus wichtig für die Arbeitsplätze, für die Hochschulen und damit für ganz Konstanz und alle Konstanzer. Dass ein solches Projekt natürlich auch wirtschaftliche Risiken berge, wolle er nicht verschweigen, rechnet aber schlimmstenfalls mit einem kleinen Minus von 100.000 Euro im Jahre 2019.

Der Mann hat einen Plan

Dann aber zog der Magier auf dem Oberbürgermeister-Sessel vor dem staunenden Publikum das Kaninchen aus dem Hut –eine nüchterne technische Zeichnung. Das zuständige Büro krehl.girke architekten projizierte einen Plan an die Wand, auf dem zu sehen war, dass der jetzige Eingang des Hauses auch von einem späteren Konzerthaus auf dem leeren Grundstück nebenan mitbenutzt werden kann, so dass man jetzt nichts Überflüssiges baue. Auch die Verkehrsplanung auf dem Grundstück genüge bereits den Bedürfnissen eines späteren Konzerthauses (hier gab es einige Zwischenrufe von der sichtlich genervten Linken Anke Schwede, dass es hier nun wirklich nicht um ein künftiges Konzerhaus gehe). Natürlich versicherte der Oberbürgermeister, dies alles sei nur mal so dahingetuscht und niemand wisse, ob und wann ein Konzerthaus jemals kommen werde, aber bitteschön, man habe hier schon einen Konzertsaal mit 1.500 Plätzen hingezeichnet, und das passe alles bestens zueinander.

Interims-Geschäftsführer Michel Maugé erklärte dann noch einmal, hier sei keine Stadthalle geplant, sondern ein Veranstaltungs- und Kongresshaus, das mitnichten ein Selbstläufer werde und für das man kräftig akquirieren müsse, um es profitabel zu vermarkten. Für Vereine sei dieses Haus eher unattraktiv, denn kaum ein Verein brauche einen Raum für 1.000 Menschen. Vom „Haus für alle“ ist also keine Rede (mehr).

Am Ende stimmten 28 Rätinnen und Räte für die 13 Millionen für Umbau und Planung, sieben enthielten sich und vier (zwei Linke, zwei Grüne) waren dagegen. Worauf Holger Reile erquickt kommentierte: „Es werden immer weniger Ja-Stimmen.“

Wenn er sich da mal nicht täuscht. Die Argumentationslinie von Oberbürgermeister Uli Burchardt ist nicht ungeschickt: Auf der einen Seite entsteht momentan das Veranstaltungshaus, mit dem man den dicken Reibach machen will (geht das schief, muss man halt den Sozialetat zusammenstreichen) – und nebenan gibt es dieses schnuckelige leere Grundstück, auf das man dann das verheißene (Konzert-)“Haus für alle“ setzen kann, mit dem alles irgendwann mal anfing und das außer der Philharmonie niemand braucht.

O. Pugliese

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