Ein Konstanzer Patient, der kaum noch Puls hat

Autor | 10. Oktober 2018

Stundenlange Diskussionen über die Zukunft des Bodenseeforums gab es gestern, 9.10., im Betriebsausschuss des städtischen Eigenbetriebs. Grund ist die im aktuellen Quartalsbericht dokumentierte anhaltende finanzielle Talfahrt des Veranstaltungshauses, mit dem ehrgeizige Lokalhonoratioren Konstanz zur Kongressstadt adeln wollten – koste es was es wolle (wir berichteten ausführlich hier). Einzig die Linke Liste war von Beginn an gegen das Prestigeprojekt am Seerhein, sie warnte vor den finanziellen Risiken und plädierte dafür, die Millionen in die soziale Infrastruktur zu stecken. Im Ausschuss wollte die Verwaltung nun einen Blankoscheck über mindestens weitere 150.00 Euro für die externe Begutachtung des maroden Projekts, kam damit jedoch nicht durch. Plötzlich wollen fast alle Fraktionen schon immer dagegen gewesen sein; man fragt sich, wo die Mehrheiten für die Millionenbeträge herkamen, mit denen die marode Halle über Wasser gehalten wurde. Wie es am Seerhein weiter gehen soll, ist damit weiter unklar. Wir dokumentieren den Redebeitrag unseres Stadtrats Holger Reile.

Die vorliegenden Zahlen lassen fraglos erkennen: Alle Hoffnungen und Wünsche, die mit dem Projekt verbunden waren, haben sich in Ernüchterung oder gar Entsetzen aufgelöst. Wenn Sie ehrlich sind, müssen Sie zugeben: Seit Jahren füttern sie mit Steuergeldern einen Konstanzer Patienten, der kaum mehr Puls hat. Das ist gegenüber der Bürgerschaft schon längst nicht mehr vermittelbar. Unsere Warnungen vor dem hochtrabenden Projekt haben Sie nicht interessiert, eine ganz große Mehrheit hier hat jedes Mal zugestimmt, wenn es darum ging, den Patienten im Wachkoma zu halten. Und Sie können mir glauben, da kommt bei uns keinerlei Schadenfreude auf, im Gegenteil, denn mittlerweile stecken rund 20 Millionen Euro in dem Haus – und jeder hier kann sich in etwa ausmalen, was wir mit diesem Kapital alles hätten machen können.

Zu Ihren diversen Szenarien:

Das erste – Weiterführung des Hauses unter den bestehenden Prämissen … – erscheint uns nicht sinnvoll und löst das Problem nicht und zieht es nur zeitlich in die Länge.

Das zweite – Umorientierung zu einer Stadthalle, vergleichbar mit anderen in der Region – sollte geprüft werden. Aber auch dafür – Anpassung der Infrastruktur – muss viel Geld in die Hand genommen werden.

Das dritte – Verkauf der Immobilie – kann ebenfalls geprüft werden.

Das vierte – Bau eines Hotels inklusive Konzertsaal auf dem Nachbargrundstück, und das mit dem BoFo gemeinsam zu betreiben, halten wir finanziell für hochgradig riskant. Das findet nicht unsere Zustimmung. Wer bindet sich schon eine derart teure Investition ans Bein, die unter einem hohen zweistelligen Millionenbetrag kaum machbar ist. Wer sich sowas antut, muss bekloppt sein.

Das fünfte – einfach weiter so und auf dem Nachbargrundstück eine Gastro einzurichten, bringt uns auch nicht weiter.

Dazu: Im Beschlussvorschlag regen sie wieder mal ein externes Gutachten an, dessen Kosten auf, Zitat: „maximal 150 000 Euro“ geschätzt werden. Weiter hinten in der Vorlage ist dann zu lesen, Zitat: „Die Höhe der tatsächlich anfallenden Beratungskosten richtet sich nach Anzahl und Art der zu prüfenden Varianten“. Klartext: Dieses Gutachten kann auch weit mehr kosten als die angegebenen 150 000 Euro. Auch aus diesem Grund werden wir Ihrem Wunsch nach einem Gutachten nicht zustimmen.

Wie auch immer eine Entscheidung über das Bodenseeforum aussehen mag: So oder so wird das weiterhin viel Geld kosten, das uns an anderer Stelle fehlt, und nach Ihren Vorstellungen soll es ja bis zu einer Entscheidung noch fast ein Jahr in der bisherigen Form weiterlaufen und – so sieht es aus – weiterhin defizitär betrieben.

Eines noch, was wir bei der Debatte über die Zukunft des Hauses einbringen möchten: Was halten Sie davon, wenn wir über das „Wie weiter mit dem Bodenseeforum“ die Bürgerinnen und Bürger befragen?

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