Streit um Pappelallee vertagt

Autor | 24. Juli 2015

Tägermoos-KahlschlagIm seit Monaten anhaltenden Streit um die Zukunft der Pappelallee im Tägermoos hat der Gemeinderat am Donnerstag beschlossen, den seit Februar geltenden Fällstopp bis auf weiteres aufrechtzuerhalten.

Der Beschluss, er fiel ohne Gegenstimmen bei fünf Enthaltungen deutlich aus, sieht außerdem die Bildung einer Expertengruppe vor, der neben Verwaltungsvertretern auch die Bürgerinitiative, die Naturschutzverbände BUND, NABU und WWF CH sowie Repräsentant_innen der Gemeinde Tägerwilen und des Kantons angehören sollen. Dieses Gremium soll ein „Zielkonzept“ für das gesamte Areal Rheinweg im Tägermoos entwickeln und dem Rat vorlegen, der dann das letzt Wort hätte.

Die Kahlschlagzone, die die Stadt zu Jahresbeginn mit einer unangekündigten Fällaktion geschaffen hatte, lässt sie nun erst einmal mit Schwarzpappeln bepflanzen. Eine Zwischenlösung, mit der auch die Bürgerinitiative leben könne, wie ein Vertreter nach der Sitzung sagte. Ausgestanden dürfte der Pappelstreit aber damit noch lange nicht sein.

Denn die Kontroverse ums Tägermoos dreht sich im Kern um die Grundsatzfrage, ob der bisherige Charakter des von – einst aus kommerziellen Gründen gepflanzten – Hybridpappeln gesäumten Wegs erhalten bleibt (dafür ist die Bürgerinitiative) oder das Naherholungsgebiet ökologisch diversifiziert und zum Auwald umgestaltet werden soll (was in nicht alltäglicher Allianz Verwaltung und Naturschutzverbände fordern). Die Position der Linken Liste erläuterte im Gemeinderat Holger Reile, dessen Redebeitrag wir im folgenden dokumentieren. (jüg)

WORTLAUT | Bei der seit Monaten andauernden Debatte zum Thema Pappelallee im Tägermoos kann man rückblickend ernüchtert feststellen: Da wurden Fehler gemacht, die man sich hätte ersparen können. Richtig ist, es gibt den Beschluss vom Januar 2012, unter anderem die Hybrid-Pappeln abschnittsweise durch standortgerechte Baumarten zu ersetzen. Das ist nachzulesen, auch hier in der Vorlage, und das sollte man auch zur Kenntnis nehmen. Aber: Bei diesem empfindlichen Thema, das vor allem hier in Konstanz in der Regel tsunamiartige Gefühlswallungen in Gang setzt, hätten wir uns mehr Sensibilität gewünscht.

Es wäre angebracht gewesen, vor dem beabsichtigten Kahlschlag am 3. Februar erneut die Bürgerschaft darauf hinzuweisen, dass man nun umsetzen möchte, was Jahre zuvor in der Hauptsache beschlossen wurde. Ganz sicher wäre dann eine Situation entstanden, die nicht zu der Verhärtung geführt hätte, die sich in den vergangenen Monaten aufgebaut hat und wohl kaum mehr zur Zufriedenheit aller gelöst werden kann. Diese Sensibilität hätten wir uns vorab gewünscht, abseits von Paragraphenreiterei und amtlicher Sturheit.

Also nahm das Desaster seinen Lauf und riss tiefe Gräben auf. Von Seiten der Verwaltung war seit Monaten die Rede davon, es habe sich um ein Kommunikationsproblem gehandelt. Mit Verlaub: Für Kommunikation braucht man in der Regel einen Ansprechpartner – den aber gab es nicht und er wurde auch nicht an den Verhandlungstisch gebeten. Der Verwaltung stand nämlich der Sinn gar nicht nach Kommunikation, sie wollte das umsetzen, was einst beschlossen wurde und ließ die Kettensägen Fakten schaffen.

Da wäre, ich wiederhole mich ganz bewusst, sehr viel mehr Fingerspitzengefühl angesagt gewesen. Um die dann zu Recht aufgebrachten Gemüter zu beruhigen, war in Sachen Schadensbegrenzung vermehrt von Bürgerbeteiligung die Rede. Das klang erstmal gut, aber diese Bürgerbeteiligung, vor Ort oft hergetragen wie eine respekteinflößende Monstranz, entpuppte sich in diesem Fall im Endeffekt als staubiger Bettvorleger, der die Fronten erneut verhärten ließ.

Eine kritische Anmerkung kann ich aber auch der Gegenseite nicht ersparen. Quasi über Nacht ist seit Februar die Anzahl sogenannter Baumschutzexperten sprunghaft gestiegen. Das erinnerte mich an die Situation hierzulande, wenn große Fußballturniere anstehen: Auch dann fühlt sich fast jeder zum Bundestrainer berufen, darunter viele, die gerade mal wissen, dass ein Ball rund ist.

Auch zum Tägermoos bekamen wir als Entscheidungsträger unterschiedliche Vorschläge auf den Tisch. Dazu kam, dass sich die diversen Naturschutz-Verbände in der Einschätzung der Sachlage weitgehend uneinig waren und immer noch sind. Bund und Nabu gegen BI und umgekehrt. Ein Gutachten hier, ein anderes dort, anderntags neue Einlassungen und kurz später ein völlig neuer Aspekt, der umgehend von der anderen Seite zerrissen wurde. Hilfreich war das leider nur in den seltensten Fällen und hat oft zu Irritation beigetragen. Soweit mein kurzer Rückblick auf das letzte halbe Jahr.

Zum Schluss: Nach den Erklärungen, abgegeben von der Verwaltung hier und heute vor über 70 Zeugen, können wir die Vorlage mittragen.

Holger Reile

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