Es fährt ein Zug nach nirgendwo …

Autor | 27. September 2014

Geplante BahnhofsüberführungDer Kreuzlinger Bahnhof lässt die Konstanzer vor Neid erblassen: Eine barrierefreie Anlage mit großzügiger Unterführung schmückt die kleine Nachbarstadt. Der Konstanzer Bahnhof hingegen ist in einem katastrophalen Zustand, doch das soll sich in den nächsten fünf Jahren ändern, hofft der Gemeinderat. Zumindest der neue Baudezernent verbreitet gekonnt „Null-Problemo“-Atmosphäre. Da kann man nur hoffen, dass er Recht behält.

Der Leiter des Konstanzer Bauderzenats Karl Langensteiner-Schönborn schafft es immer wieder, mit seinem jugendlichen Charme und seiner ebenso aufgeweckten wie verbindlichen Art Vertrauen bei den Gemeinderätinnen und -räten zu schaffen. Und so versprach er denn am Donnerstag vor dem Gemeinderat den Konstanzerinnen und Konstanzern einen barrierefreien Bahnhof bis 2019, also zu dem Zeitpunkt, an dem die finanzielle Förderung durch das Bahnhofsmodernisierungsprogramm Baden-Württemberg auslaufen soll. Außerdem überbrachte er dem Volk die gute Nachricht, dass der bisherige Notübergang am Schweizer Bahnhof, an dem mobilitätseingeschränkten Menschen ein Überqueren der Gleise in Begleitung von Bahnpersonal möglich ist, bis Dezember 2018 bestehen bleiben soll. Ziemlich sicher jedenfalls, denn sollten, und darauf wies Heinrich Fuchs (CDU) hin, bereits vorher die Bahnsteige erhöht werden, um ein barrierefreies Aus- und Einsteigen zu ermöglichen, ist es mit dieser eher vorsintflutlichen Notlösung natürlich sofort vorbei.

Barrierefrei bis 2019?

Karl Langensteiner-Schönborn hat sich die Latte verdammt hoch gelegt, denn wie die Lösung für den Bahnhof aussehen soll, was dort überhaupt gebaut werden darf und wie viel Geld die Bahn dazu gibt – all das steht noch in den Sternen. Die Bahn selbst ist dem Vernehmen nach kein hilfreicher Partner, sondern unwillig, für weniger spektakuläre Projekte in der Provinz Geld in die Hand zu nehmen oder wenigstens schnell eine einvernehmliche Lösung auszuarbeiten.

Ursprünglich sollte, und daran erinnerte Verkehrsexperte Jürgen Ruff (SPD), eine gänzlich neue, großzügige Unterführung von der Bahnhofstraße bis zum See mit barrierefreien Aufgängen zu den Bahnsteigen das Problem lösen. Nachdem das Baudezernat mittlerweile die Kosten für diese Lösung auf bis zu 20 Millionen Euro schätzt, gilt diese eleganteste Lösung aber als gestorben. Die Vorlage allerdings lässt vermuten, dass es nicht nur sachliche Aspekte sind, die gegen diese Lösung sprechen, sondern auch politische Entscheidungen, denn nur bei dieser Alternative ist von einem Risikozuschlag in Höhe von mindestens 10 % und einer Steigerung der Baukosten bis zum Baubeginn sowie möglichen Schäden an den umliegenden Gebäuden die Rede. Holger Reile (LLK) erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass der Oberbürgermeister das Geld für diese Lösung wohl statt dessen für sein Kongress- und Konzerthaus verwenden wolle und wies noch einmal darauf hin, dass sich die Bahn in dieser ganzen Angelegenheit bisher aus der Verantwortung gestohlen habe.

Fahrstühle zum finanziellen Schafott?

Tatsächlich genehmigt ist bisher nur ein möglicher Aufzug an der Bodanbrücke zwischen Bahnhof und Largo, aber auch hier findet die Verwaltung Haare in der Suppe: „Gemäß des bestehenden Bau-, Betriebs- und Finanzierungsvertrags mit der DB Station & Service aus dem Jahr 2009 trägt die Stadt sämtliche Kosten der Maßnahme. Also auch jene, welche durch Betriebserschwernisse während der Bauzeit anfallen würden (Langsamfahrstellen, Gleissperren [usw.]). Ein direkt im Baufeld verlaufendes Steuerungskabel der SBB und dessen erforderliche Umlegung sind bei der Aufzählung noch gar nicht erfasst. Eine vorliegende Kostenschätzung geht aktuell von entstehenden Kosten von 1,25 Mio. € für den Bau eines Aufzuges aus.“

Auch die Verbreiterung der bisherigen Unterführung nebst Einbau zweier Fahrstühle für den Zugang zu den Gleisen ist nicht mehr Favorit, weil man hier inzwischen Probleme bei der Genehmigung durch das Eisenbahnbundesamt und Riesenkosten fürchtet.

Was kostet eigentlich der „Steg“?

Offensichtlich gibt es all diese Probleme und Risiken gerade bei der üppigsten aller Alternativen nicht, dem neu in die Runde geworfen „Steg“, einer Art Plattform, die nicht nur als Brücke fungiert, sondern auch Platz für Cafés bietet und sieben Meter über den Gleisen vom Bahnhofsgebäude bis zum See reichen soll. Dazu soll dieser Steg barrierefreie Rampenaufgänge im Bereich neben dem Bahnhofsgebäude und Fahrstühle auf den Bahnsteig mit den Gleisen 2+3 bekommen. Und siehe da, bei dieser größtmöglichen aller vorgeschlagenen Lösungen, die auf eine Teilüberbauung des Konstanzer Bahnhofes hinausläuft, ist auf einmal nicht mehr von Kosten, Genehmigungsverfahren und ähnlichem die Rede, und auf kritische Nachfragen stellt der Dezernent den reinen Ideencharakter des Steges heraus, den man als möglichen Trumpf im Ärmel behalten müsse.

Auf einmal bekamen selbst sonst eher visionär veranlagte Gemeinderätinnen und -räte ein wenig kalte Füße angesichts dieses Wolkenkuckucksheimes, das sichtlich von den neulich vorgestellten Europan-Plänen zur Umgestaltung des Bahn- und Grenzgebietes etwa durch eine Überbauung der Abstellgleise mit einem Konzert- und Theatersaal inspiriert ist. Fachmann Johann Hartwich (FDP) riet dem Baudezernenten dringend, jede Überlegung sofort mit der Bahn zu besprechen, ehe man Geld in eine exaktere Planung stecke, denn die Bahn sei unberechenbar und ihre Mühlen mahlten verdammt langsam. In seinen Worten schwang Skepsis mit, dass ein solches Projekt bis 2019 zu verwirklichen sei. Auch Michael Fendrich (FDP), der dem Projekt Charme attestierte, wies auf einige gewichtige Einwände gegen diese Großlösung hin: Für den Steg und seine Aufgänge benötige man die Grundstücke vom Schweizer Bahnhof bis zur Ladenzeile, und da müsse man erst die Besitzverhältnisse klären.

WORTLAUT: Reile zum Bahnhofsteg

Es geht nichts über Erkenntnisgewinn: Spätestens seit dem Studium dieser Vorlage weiß ich nun, was mit dem Begriff „Verschiebebahnhof“ gemeint ist. Diesbezüglich erwirbt sich die Touristenmetropole Konstanz bundesweit ein unehrenhaftes und rundweg peinliches Alleinstellungsmerkmal. Dieser verluderte Bahnhof ist ein Schandfleck. Beispiele dafür kann man jeden Tag miterleben: Fluchende Passagiere, die sich mit ihrem Gepäck durch die muffigen Unterführungen quetschen – Kinderwagen, die nicht weiterkommen – Mobilitätseingeschränkte, die nur mit Hilfe anderer eine Chance haben, ihren Zug zu erreichen – Ein Transportband, das fast nie funktioniert und bestenfalls als Attrappe bezeichnet werden kann – eine Toilette, die man wegen Seuchengefahr besser sofort zusperren sollte – undsoweiterundsofort.

Richtig, das alles kann man keineswegs unserer Verwaltung in die Schuhe schieben, auch wenn sie bisweilen die ein- oder andere falsche Entscheidung getroffen hat. Es ist die Bahn, die hier eine Bringschuld einzulösen hat. Sie hat sich in der Vergangenheit als äußerst schwieriger und auch unangenehmer Verhandlungspartner erwiesen. Die Bahn will Milliarden in Stuttgart versenken, aber der Wunsch nach einer überfälligen Modernisierung der ebenfalls verlotterten Regionalbahnhöfe wird auf eine harte Probe gestellt und bewegt sich im unteren Schneckentempo.

Zu der Vorlage: Bis dato war auch ich der Meinung, wir sollten das Vorhaben streichen, an der Kurt-Werner-Gedächtnisbrücke am Bodansteg einen Aufzug zu errichten. Mittlerweile aber glaube ich, dieser Plan könnte trotz langer Wege vielleicht doch eine Option sein – vor allem deshalb, weil die uns angebotene und von einer Mehrheit favorisierte Lösung eines sogenannten Stegs reichlich abenteuerlich daher kommt. Aber dazu später…

Ihren Vorschlag, die vom Rat einst mit Mehrheit beschlossene barrierefreie Personenunterführung auf halber Strecke verhungern zu lassen, unterstützen wir nicht. Die Argumente scheinen uns fragwürdig und wenig überzeugend. Im Ausschuss letzte Woche erklärte ein Kollege, er sei nun gegen eine Unterführung, weil sie so eng sei und man beim Betreten derselben das Ende nicht sehen könne. Aha – ich frage mich nur, was macht der Mann, wenn er bei seiner Urlaubsfahrt Richtung Süden vor dem Gotthard-Tunnel steht. Es ist mir neu, dass wir ab sofort unsere Planungen an klaustrophobischen Befindlichkeiten ausrichten.

Ganz im Ernst, Kolleginnen und Kollegen: Plötzlich explodieren im Fall der Unterführung fast täglich die Kosten – von mindestens 20 Millionen Euro ist die Rede – und allerlei Risikofaktoren werden in den grellsten Farben an die Wand gemalt. Rund 250 000 Euro wurden in die Vorplanungen schon investiert, das sollten wir nicht vergessen. Und es ist nicht nur ein Verdacht, sondern Fakt, dass Oberbürgermeister Burchardt schon mehrmals erklärt hat, die Kosten für eine Unterführung würde er gerne einsparen, denn er brauche die Kohle für ein Projekt am Seerhein, das angeblich ein Haus für alle Konstanzerinnen und Konstanzer werden soll. Da werden wir sicher noch mit unangenehmen Überraschungen konfrontiert, die sich heute schon anbahnen. Aber das nur nebenbei.

Nun also ein Steg, wie es in der Vorlage verniedlichend heißt. Nennen wir es doch ehrlicherweise eine überdimensionierte Brücke, die die Ausmaße eines Hubschrauberlandeplatzes aufweist und ziemlich sicher das Stadtbild verschandeln wird. Als Brückenbauer haben wir uns ja in der Vergangenheit nachweislich keine Meriten erworben. Von Cafes und ähnlichem obendrauf wird schwadroniert und auch davon, dass man dann so herrlich auf den See blicken könne. Streichen wir doch bitte dieses bemühte Pathos und stellen besser fest: Uns liegen keine Zahlen vor, was diese Brücke in etwa kosten wird, deren Bau sich ebenfalls jahrelang hinziehen würde. Von Investoren ist in der Vorlage die Rede – wer sollen die sein? Wurden schon Gespräche geführt und wenn ja, mit wem und mit welchem Ausgang? Wir bitten um Öffnung dieser Wundertüte, deren Inhalt uns vage, kryptisch, nebulös und schwammig erscheint. Kurz und schlecht: Mit dieser Idee können und wollen wir uns nicht anfreunden und werden ihr auch nicht zustimmen.

Unserer Meinung nach bleibt eine Lösung, die sicher auch nicht ideal ist, aber schneller und weitaus günstiger umzusetzen wäre: Ich meine die Aufzüge direkt im Bahnhof. Eine Möglichkeit, die sogar die DB vorschlägt und über die das Eisenbahnbundesamt noch nicht den Stab gebrochen hat. Die Umsetzung würde dazu führen, wofür wir alle immer plädieren: Stichwort Barrierefreiheit. Jetzt erneut mehrere Jahre zuzuwarten und lieber in Wolkenkuckucksheimen zu versinken, würde dem Konstanzer Verschiebebahnhof ein weiteres Negativkapitel bescheren. Und genau das sollten wir uns ersparen.

Wir bitten bei diesem Punkt um getrennte Abstimmung.

Ist der Dezernent ein Luftikus?

Der Baudezernent jedenfalls war auch am Ende der Debatte optimistisch, dass bis 2019 eine Lösung zu verwirklichen sei, welche auch immer. Nach seinen Angaben ist die Bahn bereit, den Schweizer Bahnhof zu verkaufen, will aber die Ladenzeile selbst entwickeln, was wohl meint, dass man die Aufgänge zu einem Steg auf dem Gelände des Schweizer Bahnhofes errichten könne. Er hat am 1.10. einen Termin mit der Bahn und will dabei die möglichen Alternativen sowie erste konkrete Schritte wie die Erhöhung der Bahnsteige besprechen.

Alle allerdings konnte sein Optimismus nicht anstecken, denn Langensteiner-Schönborn blieb bei seinen Ausführungen auffällig stark im Ungefähren. Er konnte bestimmte Kosten nur sehr ungenau angeben, obwohl sie ihm schwarz auf weiß vorlagen, und fing sich dafür einen Rüffel aus den Reihen der Grünen ein. Und so manchen Gemeinderätinnen und -räten, die das langjährige zermürbende Tauziehen mit der Bahn miterlebt haben, schien Langensteiner-Schönborn denn doch deutlich zu blauäugig und zu wenig konkret an diese Riesenaufgabe heranzugehen. Wenn er es tatsächlich schafft, bis 2019 einen barrierefreien Bahnhof hinzustellen, hat er alle Chancen zum Helden. Aber allzu lange darf er sich nicht mehr auf dem Vertrauensvorschuss ausruhen, denn sonst könnte der Eindruck aufkommen, er sei vielleicht auch nur ein ausgemachter Luftikus, der den Verhinderungsprofis von der Bahn gegenüber chancenlos ist. Er muss jetzt auf jeden Fall ziemlich schnell Butter bei die Fische bringen, sonst könnte es für ihn bald ungemütlich werden.

O. Pugliese

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