NS-Opferfamilie droht Abschiebung / Offener Brief der VVN-BdA an Landtagsabgeordnete und OB

Autor | 31. März 2015

Stempel AbschiebenWieder einmal droht einer in Konstanz lebenden Flüchtlingsfamlie die Abschiebung. Der deutsche Staat will sie in den nächsten Wochen zwangsweise in ein Flugzeug in ihr Herkunftsland Serbien setzen lassen. Die fünfköpfige Familie käme in eine Heimat zurück, in der sie nicht mehr willkommen ist; wo ihre Angehörigen über Jahre nicht nur mit Anfeindungen aus der Bevölkerung konfrontiert waren, sondern auch von Rechtsradikalen bedroht, angegriffen und verletzt wurden – geduldet, möglicherweise sogar gebilligt von den lokalen Behörden. So geschehen im Fall der Familie Jusufovic in der serbischen Stadt Niš: zuerst der Sohn von Neonazis ins Koma geprügelt, danach die gesamte Familie über Jahre angefeindet und drangsaliert. Hilfe von den dafür eigentlich Zuständigen, Polizei, Stadtverwaltung, Bürgermeister, bekam sie nicht.

Acht lange Jahre haben die Jusufovics – sie lebten im eigenen Haus, der Vater sicherte als Fließenleger die Existenz – diesem alltäglichen Terror getrotzt. Doch nach einer Nacht, in der eine wütende Menge ihr Anwesen regelrecht belagerte und ein Hagel von Steinen und anderen Wurfgeschossen auf das Haus prasselte, kapitulierten sie schließlich. Buchstäblich um Leib und Leben fürchtend, flohen die Jusufovics nach Deutschland und stellten 2012 in der zentralen Aufnahmestelle in Karlsruhe einen Antrag auf Asyl.

Der Grund für den blanken Hass, den die Familienmitglieder in ihrer Heimatstadt auf sich gezogen haben? Ihr Pech ist, dass sie als Roma geboren wurden, Angehörige einer Ethnie, die gegenwärtig in den Balkanländern von staatlichen Organen und Teilen der Bevölkerung eine Behandlung erdulden muss, die nur mit dem Wort systematische Diskriminierung beschrieben werden kann und nicht selten von lebensbedrohender Verfolgung begleitet ist.

Tiefsitzende Vorurteile gegen “Zigeuner” sind jedoch nicht auf die Balkanregion beschränkt, sondern auch hierzulande weitverbreitet. Sie erleichtern den damit betrauten Bürokraten das unmenschliche Geschäft der Entfernung von Menschen, die der Staat als unerwünschte volkswirtschaftliche Störfaktoren identifiziert hat. Der Asylantrag sei “offensichtlich unbegründet”, lautet denn auch das behördliche Verdikt, dem nun der Rauswurf folgen soll.

Im Fall Jusufovic würde aber noch eine weitere Grenze überschritten, nicht zum ersten Mal übrigens. Denn zu den Familienmitgliedern, über denen seit Jahren das Damoklesschwert der Abschiebung schwebt, gehörte auch die erst kürzlich verstorbene Großmutter Alisa. Die 77-jährige hatte als Kind miterleben müssen, wie in ihrer serbischen Heimat deutsche Nazi-Schergen den Vater mißhandelten und zur Zwangsarbeit in ein KZ verschleppten. Wie mag dieser Frau zumute gewesen sein, die fürchten musste, von deutschen Beamten in eine Heimat “verbracht” zu werden, in der wieder Rechtsradikale sie und ihre Angehörigen mit Mord und Totschlag bedrohen. Traurige Ironie, das möglicherweise nur der Tod ihr dieses Schicksal erspart hat.

Der Konstanzer Kreisverband der VVN-BdA protestiert in einem Offenen Brief gegen diese Abschiebung einer NS-Opferfamilie. In dem an die Landtagsabgeordneten Hans-Peter Storz (SPD) und Siegfried Lehmann (Grüne) sowie den Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt (CDU) gerichteten Schreiben mahnt die antifaschistische Organisation “einen angemessenen Umgang mit unmittelbaren Opfern der NS-Dikatur und dem europäischen Völkermord an Sinti und Roma” an. Die VVN-BdA appelliert an die Adressaten, sich dafür einzusetzen, “dass die Familie Jusufovic durch Abschiebung nicht wieder Gefahr an Leib und Leben ausgesetzt wird” und fordert einen angemessenen Umgang auch für die Nachkommen der zu NS-Opfern gewordenen Sinti und Roma ein.

Die Linke Liste und die Linke können sich diesem Appell nur in vollem Umfang anschließen. Wir werden uns deswegen namentlich mit Oberbürgermeister Uli Burchardt und dem im Landkreis für Flüchtlingsangelegenheiten zuständigen Landrat Frank Hämmerle in Verbindung setzen und darauf drängen, dass alle Möglichkeiten ausschöpft werden, um die Abschiebung zu verhindern.

Jürgen Geiger



Mehr Informationen
über die Leidensgeschichte der Familie Jusufovic und die Situation der Roma auf dem Blog des Konstanzer Journalisten und Flüchtlingsaktivisten Jürgen Weber.
Das Online-Magazin seemoz hat den Offenen Brief der Kreisvereinigung der VVN-BdA im Wortlaut veröffentlicht.

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